Gäbe es den Posten eines Sonderbeauftragen zur Imageverbesserung der Wissenschaften, der Physiker Hauke Trinks wäre ein heißer Kandidat. Auch wenn sein Forschungsfeld eher die eisige Kälte ist. Schließlich verbrachte er über ein Jahr lang mit wissenschaftlichen Experimenten in der absolut unwegsamen und rauen Natur einer Nachbarinsel des skandinavischen Spitzbergen. Doch damit nicht genug. In seinem absolut lesenswerten Expediditions-Tagebuch Das Spitzbergen-Experiment vermittelt der außergewöhnliche Professor auf fesselnde Art und Weise, welch ungewohnte Wege man als Wissenschaftler einschlagen kann, wenn man sich nur traut.
Damit wird er einer ganzen Reihe Studenten Mut machen, ebenso außergewöhnliche Wege zu beschreiten. Forscherkollegen und Medien sind schon jetzt hellauf begeistert. "Wissenschaft kann zum Abenteuer werden, aber kaum einer verbindet diese beiden Herausforderungen so konsequent wie Hauke Trinks", jubelt etwa Die Zeit. Und Die Welt will in den Reihen der Wissenschaft schon öfter den Begriff "nobelpreiswürdig" vernommen haben. Kein Wunder, denn Trinks hat sich keine einfachere Fragestellung vorgenommen als folgende: Wo und wie entstand Leben auf der Erde? Wobei der ehemalige Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg die gewagte These vertritt, dass entgegen der weit verbreiteten Auffassung vom warmen Urtümpel der Ursprung allen Lebens im Eis stattgefunden haben könnte. Und tatsächlich: Trinks' mühsam errungene Messproben bestätigen seinen Verdacht. In den nährstoffreichen Hohlräumen im Meereis wimmelt es nur so von Leben!
Nun könnten Leser befürchten, mit schwer verständlichen Versuchsanordnungen und Theorien eines Physikprofessors konfrontiert zu werden. Dem ist aber nicht so. Sicher, hin und wieder fallen Begriffe wie Proteinsynthese und Chiralität, aber derartiges Fachlatein steht nicht im Vordergrund. Selbst in den wenigen Kapiteln, in denen auf die Forschungen näher eingegangen wird, hört sich alles überraschend nachvollziehbar an. Vielmehr schildert Trinks den Kampf ums Überleben im Eis. Minus 40 Grad sind keine Seltenheit, hinzu kommen etliche Begegnungen mit aggressiven Eisbären, monatelange Dunkelheit während der Polarnacht und die schwierige Bewältigung eines Alltags fernab jeglicher Zivilisation.
Doch zum Glück steht Trinks die Britin Marie Tièche zur Seite. So läuft ganz nebenbei noch ein zweites Experiment ab: Können zwei Menschen, die sich erst seit kurzem kennen, unter derart extremen Bedingungen und auf nur wenigen Quadratmetern Holzhütte miteinander auskommen? Dabei äußert nicht nur er seine Ansichten, sondern in Form vier langer Briefe auch seine Begleiterin, die übrigens als erste Frau nördlich der 80-Grad-Grenze überwintert hat. Fazit: Selten wird Wissenschaft so abenteuerlich, spannend und menschlich dargestellt wie im Spitzbergen-Experiment. --Christian Haas
Welches Experiment, bitte... ? (Bewertung 1 von 5)
» Pintschka
Hauke Trinks Spitzbergen-Buch weckt vom Titel her und vom Klappentext ein gewisses Interesse. Es wird von Abenteuern, Extremen, spektakulären neuen Theorien zur Entstehung des Lebens, von Herausforderungen und Konflikten mit der Natur der Region und der Natur zweier Menschen berichtet.
Nach der Lektüre des Buches stelle ich fest, dass ich recht enttäuscht bin. Und zwar auf mehreren Ebenen.
Die Beschreibung der Beziehungen zwischen Hauke und Marie wirkt sehr rational und kühl. Es werden die täglichen Arbeiten beschrieben (Marie als Hauswirtschaftlerin, Hauke als Forscher), aber emotional scheint es während der 14 Monate kaum eine Entwicklung gegeben zu haben. Das ist absurd, spätestens seit man weiß, dass beide eine „heftige Beziehung“ in ihrem „Liebesnest“ hatten, von der man aber erst später durch Interviews Maries erfuhr. Insofern ist natürlich alles Geschriebene ziemlich unglaubwürdig und auch unehrlich. Hier wurde ein Mann-Frau-Experiment vorgegaukelt, dass es so nicht gegeben hat. Beide hätten besser daran getan, mit der Veröffentlichung des Buches solange zu warten, bis ihre persönlichen Verhältnisse geregelt sind und sie offen dazu stehen können. Oder Hauke Trinks hätte sich allein auf die Beschreibung seiner wissenschaftlichen Arbeit beschränken sollen.
Aber auch bei der Vermittlung der Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschungen, bleibt für den durchschnittlichen Leser doch vieles unklar. Zwar beschreibt Trinks mit Leidenschaft, was er alles an Formen und Farben des mikrobiologischen Lebens sehen konnte, doch in der Beschreibung der Ergebnisse seiner Arbeit, d.h. bei der Vermittlung seiner Theorie vom ‚Leben aus dem Eis’, bleibt er doch Einiges schuldig und findet nur selten Formulierungen, die auch dem Nichtwissenschaftler unter den Lesern Erkenntnisse bringen. Auch dieser Seite des ‚Experiments’ fehlt etwas, - vielleicht auch, weil die ganze Sache eher ein Stück Feldforschung und weniger ein klassisches Experiment war.
Ein wenig überrascht war ich von der Beschreibung des kargen und entbehrungsreichen Lebens der beiden Hauptakteure einerseits, gerade bei der Verpflegung, wo ab und zu anklingt, dass man gut haushalten muss, weil die Verpflegung genau kalkuliert ist und Nachschub ja nicht zu erwarten war, - andererseits aber an knapp 20 Stellen des Buches explizit davon berichtet wird, wie Rotwein, Whiskey, Sekt und Champagner zur Verfügung stand…. Wurde da ein weiteres ‚Experiment’ unterschlagen ?
Zur Auflockerung des Textes dienen eine Reihe schöner Naturbeobachtungen, einige Anektoden über Begegnungen mit Bären und anderen Tieren und mehrere eindrucksvoller Bilder/Fotos .
Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass das Buch letztlich doch nicht so spannend und aufschlussreich war wie ich es erwartet hatte und das ich das ganze Experimentengetue des Buches für einen Mogelpackung halte.
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Das Spitzbergen-Experiment
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