Broschiert. Apa 2007-03.
ISBN: 3826820401 / 3-8268-2040-1
EAN: 9783826820403
Macht unbändige Lust auf eine Deutschlandreise (Bewertung 5 von 5)
» Amelie Deventer
Zunächst einmal: Das ist kein APA Guide, wie man ihn kennt, sondern offenbar ein neues Konzept. In 100 unabhängigen Einzelessays stellt der Autor einige der interessantesten Ziele in Deutschland vor, darunter auch einige überraschende. Die Essays machen wirklich Lust auf persönliches Kennenlernen. In der Regel erzählen sie eine Minigeschichte, die gefolgt wird von einem Kastentext mit praktischen Infos zu Anreise, Unterkunft, Restaurants und Infoadressen (mit Websites). Obwohl diese Infos naturgemäß sehr knapp ausfallen, sind sie sehr brauchbar. Bewusst beschränken sie sich auf besonders liebenswerte Hotels, in der Regel in historischen Bauten und mit viel persönlichem Flair. Hotelketten haben da kaum eine Chance. In einigen Hotels (z.B. Regensburg) habe ich selbst gewohnt, und die Tipps sind goldrichtig. Manche Unterkünfte sind sogar sehr preiswert und trotzdem hervorragend.
Ähnliches gilt für die Restaurants. Stets sind es traditionsreiche Häuser mit gelungener regionaler Küche in allen Preisklassen. Selbst in der "kulinarischen Diaspora" findet der Autor immer noch die Perle im Heuhaufen. Sogar die Spezialitäten werden oft genannt.
Aber die wirkliche Stärke des schön bebilderten Bands sind die Essays. Auf knappem Raum (meist 2 bis 3 Buchseiten) versteht es Wolfgang Rössig, oft altbekannten Highlights in Deutschland neue Facetten abzugewinnen. Stets mit viel Sympathie geschrieben, leistet sich der Autor durchaus so manchen amüsanten und ironischen Seitenhieb. Schon im ersten Text - über Rügen - sucht Rössig nach der exakten Stelle, an der Caspar David Friedrich seine berühmten Kreidefelsen gemalt hat, und findet mythische Seen, an denen eine heidnische Göttin Fruchtbarkeitsriten zelebrierte. Die werbeträchtige Ausschlachtung vor Ort kommentiert er trocken mit den Worten: "Dem Touristen wird hier so manche Elfe im Mondschein aufgebunden."
Und so geht es weiter: Von der kessen Nina Hagen ("du hast den Farbfilm vergessen") auf Hiddensee über die versunkene Ostseestadt Vineta zum Schauplatz von Storms Schimmelreiter. Auf Sylt spaziert der Autor zum allernördlichsten Punkt Deutschlands, Wismar wird aus der Perspektive des berühmten Stummfilms "Nosferatu" aus den 20er Jahren geschildert, durch Lübecks alte Gassen geht es mit den Buddenbrooks, in Hameln lästert er über moderne Rattenfänger, Dresden entdeckt er mit Canaletto, Leipzig mit Bachs Kaffeekantate, den Spreewald mit Fontanes Gondoliere. In Würzburg geht er mit dem Nachtwächter auf Tour, sucht Wölfe und Luchse im Bayrischen Wald, in München trinkt er sich durch die schönsten Biergärten, im Alpenvorland plaudert er mit weisen Nonnen auf der Fraueninsel im Chiemsee über mittelalterliche Gärten und sucht den schönsten Blick auf die Zugspitze. Wir erfahren aber auch, wo Umberto Ecos berühmter Roman "Der Name der Rose" verfilmt wurde (im Kloster Eberbach), wo Hermann Hesse unters Rad kam (im Kloster Maulbronn), welche geheimen freimaurerischen Allegorien sich im Schlossgarten zu Schwetzingen verbergen, wo der Schneider von Ulm kläglich in die Donau plumpste (und der Autor weiß sogar den Grund dafür!). Und warum gibt es an der Fassade des Kölner Dom in Stein gemeißelte vollbusige Funkenmariechen? Wo wohnten die Heinzelmännchen wirklich? Wo hat Hagen Siegfried gemeuchelt?
Das Buch endet auf dem Dornröschenschloss im Reinhardswald, in dessen Turmstube man sogar heiraten und flittern darf. Denn darin steht ein Himmelbett!
Wenn man das Buch durchhat, weiß man gar nicht, wohin man zuerst fahren soll. Auf jeden Fall ist das mal ein Deutschlandbuch, dass nicht nur auf Bilder setzt (die auch sehr schön sind, wenngleich ein wenig blass gedruckt). Eine Liebeserklärung an Deutschland von einem Autor, der, so steht es im Impressum, sonst eher tropische Fernziele beschreibt. Hier bringt er es fertig, dass ich sogar ein stillgelegtes Stahlwerk in Völklingen besuchen mag. Denn dort soll jetzt "die Hütte grooven".
Kritik gibt's auch. Eigentlich müssten es 200 oder 300 Sehnsuchtsziele sein. Aber dann wäre das Buch viel zu schwer geworden. Dafür kommt der Osten Deutschlands mal wirklich gut weg. Und wie topaktuell das Buch ist, merkt man am Text über Heiligendamm.
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Deutschland neu entdecken. Polyglott Apa Guide. 100 Sehnsuchtsziele
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