Zutiefst bewegend und absolut empfehlenswert! (Bewertung 5 von 5)
» Monika B. Levinson
Dieses Buch hat mich auf ganz besondere und sehr nachhaltige Weise berührt. Die Autorin wurde mir während des Lesens beinahe zur Freundin und obwohl ich etwas jünger bin als sie und (nach allem, was ich weiß) keine Großeltern mit aktiver Nazi-Vergangenheit hatte, entstand bei mir dennoch das Gefühl, als könnte ich die meisten ihrer Schilderungen persönlich nachvollziehen. Dies mag zum einen an ihrem versierten Schreibstil liegen, aber sicher auch, und das ist aus meiner Sicht sehr viel entscheidender, ihrer authentischen Art, sich mit ihrer Familiengeschichte inkl. der für sie persönlich daraus resultierenden Verletzlichkeit, Dünnhäutigkeit und Verzweiflung (bis hin zur Autoaggression) genauso wie der daraus gewachsenen Stärke sowie dem Mut, dieses Buch zu schreiben, auseinanderzusetzen.
"Schweigen tut weh" kann uns allen dabei helfen, wertvolle Aufklärung in Bezug auf die oftmals brutalen Konsequenzen des Schweigens zu kriegerischen oder auch anderen schwerwiegenden Handlungen auf die (vermeintlich nur) indirekt Betroffenen, v.a. die Kinder und Kindeskinder der Handelnden, zu leisten.
Eine faszinierende Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie (Bewertung 5 von 5)
» Helmut Janus
Alexandra Senfft beschreibt die Lebensgeschichte ihrer 1933 geborenen Mutter Erika. Das prägende Ereignis in deren Jugend war die Hinrichtung des Vaters Hanns Ludin im Jahr 1947. Er war während des Kriegs Vertreter der Naziregierung in der Slowakai und wurde wegen seiner Beteiligung an der Deportation von 70.000 Juden verurteilt. Die in der Familie verdrängte Schuldfrage ist für die Autorin Dreh- und Angelpunkt für die spätere Entwicklung und die Probleme ihrer Mutter. Erika ist eine intelligente, vielschichtige und widersprüchliche Frau. Nach der durch die Kriegsereignisse wechselvollen Jugend wird sie mit viel Energie und glücklichen Umständen zu einem geachteten Mitglied der bürgerlich-linksintellektuellen Kreise in Hamburg. Sie durchlebt aber auch schreckliche Niederlagen wie ihre gescheiterte Ehe, problematische Beziehungen und schließlich Alkoholsucht, bis sie 1997 an den tragischen Folgen eines Unfalls stirbt. Zeit ihres Lebens reibt sich Erika an ihrer Mutter Erla, die unumstößlich das positive Bild ihres Mannes als "guter Nazis" aufrecht hält.
Angesichts der komplizierten Persönlichkeit und der Schicksalsschläge, die Erika durchlebt hat, ist für mich letztlich nicht nachvollziehbar, ob das grausame Ende des Vaters tatsächlich so eine zentrale Bedeutung hatte. Das Thema des Buches betrifft aber hautnah alle nach dem Krieg Geborenen, die mit der Frage konfrontiert sind, wie die Eltern und Großeltern sich während der Nazizeit verhalten haben. Hanns Ludin war ohne Zweifel schuldig, aber er war weder einer der führenden Verantwortlichen des Regimes, noch hat er sich persönlich die Hände mit Blut befleckt. Viele andere, die ähnlich große Verantwortung hatten, sind später ungeschoren davon gekommen. So gesehen hatte Ludin Pech gehabt. Sein gewaltsamer Tod hat seinen Angehörigen und Nachkommen das Verschweigen und Verdrängen nicht so leicht gemacht wie anderen Familien. Das Buch kann viele anregen, sich kritisch mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.
Fasziniert hat mich insbesondere die lebendige und präzise Schilderung des Milieus und der Lebensumstände in der Nachkriegszeit. Aus heutiger Sicht wirken diese Jahre stockkonservativ, bieder und langweilig. Hinter der bürgerlichen Fassade gibt es aber zumindest in den Intellektuellen-Kreisen, in denen sich Erika bewegt, radikale Brüche mit den Lebensgewohnheiten der Vergangenheit, persönliche Befreiungsschläge, sexuelle Freizügigkeit und Alkohol- und Zigarettenorgien. Ich kann sehr gut die Feststellung der Autorin nachvollziehen, wie normal unser eigenes Familienleben doch heute verläuft verglichen mit dieser wilden Vergangenheit.
Ein interessanter Aspekt ist auch, dass sich Erikas Leben aus einer Vielzahl von Briefen, aus denen die Autorin zitiert, dokumentiert ist. Fast täglich gingen diese Briefe zwischen den Familienmitgliedern hin und her. Eine Biographie über ein Mitglied unserer heutigen Generation dürfte sehr viel schwerer sein, da angesichts von Telefon und Internet es kaum so viele schriftliche Zeugnisse geben wird. Die Autorin schreibt so, als sei sie immer dabei gewesen und kenne die innersten Gedanken ihrer Hauptpersonen. Das macht das Buch lebendig, für mich aber manchmal zu wenig distanziert. Das ist Geschmacksache. In jedem Fall ist es eine ungeheuer anregende Lektüre.
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Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte
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