Gelungenes Portrait (Bewertung 5 von 5)
» Marc Somssich
Während des Ungarnaufstands des Jahres 1956 wurde Imre Nagy über Nacht von einem Reformpolitiker zum Ministerpräsidenten einer Revolutionsregierung. Der überzeugte Kommunist wurde von seinem Volk an die Spitze einer Bewegung gerufen, die gegen die Sowjetunion, deren Anhänger Nagy immer war, auftrat. Er nahm diese Position an, und bezahlte dafür mit seinem Leben.
János M. Rainer ist Direktor des Instituts für die Geschichte der Ungarischen Revolution 1956. Im Jahr 1989, zum Ende der Kádár-Regierung, wurde er damit beauftragt, einen Zeitungsartikel über Imre Nagy zu verfassen. Dies inspiriere ihn dazu, eine ganze Biografie über diese "Leitfigur jener politischen Ereignisse" zu schreiben, die schließlich in zwei Bänden, 1996, bzw. 1999, in Ungarn veröffentlicht wurde. Auf dieser Biografie basiert die vorliegende, stark gekürzte Fassung, die 2002 in Ungarn, und 2006 in Deutschland erschien.
Auf den ersten 100 Seiten erzählt Rainer Nagys Lebensweg von seiner Geburt, 1896, bis zum Aufstand des Jahres 1956 nach. In diesem Teil wird die Jugend, die Zeit in Russland während des ersten Weltkriegs, Nagys Wandel zum Kommunisten, seine Zeit als Emigrant in Moskau, sowie seine Rückkehr nach Ungarn nach dem zweiten Weltkrieg, und seine ersten Jahre in der neuen kommunistischen Führung Ungarns behandelt. In diesem, 60 Jahre auf 100 Seiten umfassenden Teil, wird Nagys Lebensweg nur grob nacherzählt. Rainer legt allerdings wert darauf zu zeigen, wie Nagy in dieser Zeit zum Experten für die Agrarfrage, allgemein in sowjetisch/sozialistischen Ländern, aber vor allem in Ungarn wurde, und wie er dabei vor allem seine eigene Vision eines nationalen und menschlichen Sozialismus entwickelte.
Auf den nächsten rund 70 Seiten wird die Zeit des Aufstandes und die Jahre in sowjetischer Gefangenschaft, bis zum Schauprozess 1958 beschrieben. Jene kurze Zeitspanne, die Imre Nagy von einem zögerlichen Reformpolitiker im Hintergrund, zur Leitfigur einer nationalen Bewegung machte. Bei seiner Nacherzählung dieser Zeit arbeitet Rainer vor allem die veränderte Haltung Nagys heraus, der sich zum ersten Mal nicht dem Druck der Partei beugte, sondern fest zu seinen Überzeugungen stand, und sie vehement, bis in den Tot verteidigte.
Zum Abschluss des Buches folgen zwei kurze, jeweils um 15 Seiten fassende Kapitel, in denen Rainer zunächst Nagys politische Visionen beschreibt, sein "Vermächtnis", und schließlich sein Nachleben, wie er in der Zeit des Kádár-Regimes und danach, von den Politikern und der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
Im Anschluss an die ausgeschriebene Biografie, folgt der Teil "Imre Nagy - Ein Leben in Bildern", in dem Nagys Leben noch einmal in 42 Bilder dargestellt ist. Der sehr umfangreiche Anhang enthält neben den obligatorischen Anmerkungen, Quellen-, Literatur- und Bildnachweisen, auch Kurzbiografien zu sehr vielen erwähnten Personen im Buch, sowie eine kurze Beschreibung der erwähnten Parteien, Organisationen und Institutionen.
Wie schon der Untertitel des Buches aussagt, ist dieses Werk "Eine politische Biografie". Rainer konzentriert sich auf den Politiker, der Mensch Imre Nagy wird nur am Rand behandelt. Das politische Wirken Nagys wird dafür sehr treffend und pointiert nacherzählt, sowie seine wichtigsten persönlichen Wandel, Entscheidungen und Handlungen interpretiert und analysiert. So entstand ein knappes, aber spannendes Portrait dieser bedeutenden ungarischen Persönlichkeit.
Websites, die mit dieser Seite verlinkt sind
Für ein Link zu dieser Seite bekomen Sie ein Link zurück!
Das Buch besprechen
Schreiben Sie eine Besprechung und teilen Sie anderen Ihre Meinung mit. Konzentrieren Sie sich dabei möglichst auf den Inhal des Buches. Lesen Sie hierzu unsere Instruktionen zur weiteren Information.
Imre Nagy
Ihre Bewertung:
Geben Sie die Überschrift Ihrer Besprechung ein (mindestens 2 Wörter):
Schreiben Sie Ihre Besprechung in das Feld unten (max. 1000 Wörter):
Sprache der Besprechung:
Ihre Name (optionalen):
Ihre E-Mail-Adresse (wird nicht angezeigt, sondern nur zur Bestätigung benutzt):
Ihre Besprechung wird in fünf bis sieben Arbeitstagen erscheinen.
Besprechungen, die nicht unseren Instruktionen entsprechen, werden nicht veröffentlicht