Marc Buhl könnte wiederholen, was Sten Nadolny mit Die Entdeckung der Langsamkeit einst gelang. Ein Kultbuch zu schaffen, das sich leise und unbemerkt ins Herz des Lesers schleicht und nicht mehr wegzudenken ist. War es bei Nadolny der Entdecker John Franklin, dessen geistige Schwerfälligkeit zum Sinnbild für Beharrlichkeit und Erfolg umgedeutet wurde, so hat Buhl eine echte Gegenfigur aus dem historischen Kuriositätenkabinett zum literarischen Helden aufgebaut. Mensen Ernst, den norwegischen Wunderläufer!
Mensen Ernst, 1795 im norwegischen Fresvik geboren, ist heute selbst in seiner Heimat so gut wie vergessen. Als Lauf- und Bewegungswunder durchmaß er sein Leben in Turbogeschwindigkeit. Schon als Junge hängte Mensen Hunde, die ihn verfolgten, mühelos ab. Der bigotten Bevölkerung galt er bald als Kind des Teufels. Einzig Skulberg, der neue Schulmeister und Pfarrer, wird für den quecksilbrigen Jungen zum Mentor und Wärmequell in froststarr frömmelnder Atmosphäre.
Als Kadett auf hoher See half ihm seine wunderbare Fähigkeit, feindliche Kugeln im Fluge zu erkennen und ihnen auszuweichen. Und doch sollte Mensen beim Untergang des Schiffes nicht nur Jan, seinen besten Freund verlieren, sondern das einzige, das ihm von seinem unbekannten Vater geblieben war: Eine Seemannskiste voll magischer Gegenstände, die Mensens Träume anfachten: Vor allem eine alte Karte, die zu den Quellen des Nils wies, wo der Vater verschollen war. Mensens Lebenszweck war formuliert. Nach Afrika sollten ihn seine starken Beine tragen.
Ähnlich der Naiven Malerei, mit nur wenigen Abstufungen, erzielt Buhl mit seinem kargen und schmucklosen Erzählstil einen fast märchenhaften Effekt. Gewissermaßen im Eiltempo werden wir Zeugen einer kuriosen Karriere. Mensen steigt zum Botenläufer an Europas Fürstenhöfen auf, wird von einem beutelschneiderischen Impresario wie im Hamsterrad in immer aberwitzigere Wettrennen geschickt, lernt im Bett der schönen Gwendolyn, dass Schnelligkeit nicht immer nur dienlich ist -- und nähert sich schließlich im Dauerlauf dem Ziel seiner Träume. Doch vor die Quellen des Nils haben die Götter noch die schöne Sklavin Rashida gesetzt. Mensen ist im wirklichen Leben angekommen. Schöner wie im Märchen. --Ravi Unger
Laufen, um sich selbst zu finden! (Bewertung 5 von 5)
» zeilensprung
Marc Buhl hat ein Buch über den Wunderläufer Mensen Ernst geschrieben, der im Jahr 1832 in nur fünfzehn Tagen von Paris nach Moskau lief. Damit schrieb er sich in die Geschichtsbücher ein. Mit dieser ungewöhnlichen Leistung war er einer der ersten wirklichen Stars des Sports, alle Zeitungen berichteten über ihn, u.a. in der berühmten "Vossischen Zeitung" der nicht minder berühmte Fürst Hermann zu Pückler-Muskau.
Mensen Ernst ist ein Getriebener! Schon in frühester Kindheit fällt es ihm ungeheuer schwer, die Beine still zu halten. Nach dem Tod der Mutter auf die Fürsprache des Pfarrers angewiesen, wird Mensen zu einem Einzelkämpfer. Nachdem er seinen besten Freund Jan bei einer Meuterei verliert und selber nur knapp überlebt, kommt er an den Hof des Herzogs von Queensbury. Dort verliebt er sich erstmals in eine Magd, die mit ihrer Langsamkeit einen Gegenpol bildet. Wo sie sich treffen, ist die Gegenwart!
Aber Mensen braucht seine Freiheit, kommt nach Deutschland und wird von einem verarmten Adeligen unter die Fittiche genommen, der ihn wie eine Jahrmarktsattraktion von Lauf zu Lauf schickt. Nach seinem Coup Paris-Moskau von großer innerer Leere ergriffen, wagt er den Lauf zu den Quellen des Nil, die damals noch unentdeckt waren...
Marc Buhl hat ein wunderbares Buch geschrieben! Auf zweihundert Seiten entwirft er die "Einsamkeit des Langstreckenläufers", seine Sehnsucht nach Ankommen und endgültigem Ziel. Dabei zeichnet er einen ungewöhnlichen Charakter und dessen Widersprüche genau und mit Liebe zum Detail nach. Er bedient sich einer sehr bildreichen Sprache und zieht den Leser so ganz tief in seine ungewöhnliche und besondere Geschichte!
Natürlich liegt der Vergleich mit Nadolny's "Die Entdeckung der Langsamkeit" in der Luft. Sowohl bei Nadolny wie auch hier geht es um den inneren Lebensrhythmus eines Menschen, der entgegen gängigen Klischees läuft.
Ich habe das Buch in einem Zug und mit wachsender Begeisterung gelesen!
Etwas Besonderes!
Auf der Suche nach der Seele (Bewertung 4 von 5)
» Fuchs Werner Dr
Wir kennen das aus der eigenen Schulzeit, Beurteilungen können gar nicht gerecht sein. Mir ist jedenfalls blieb bestens in Erinnerung, wie das Umfeld die aktuellen Leistungsnoten beeinflusste. Denn als ich damals endlich zur Quelle vorstiess, die meinem Französisch-Lehrer den Stoff für seine Diktate lieferte, habe ich vorsichtshalber einige Fehler eingeflochten, kriegte dann aber trotzdem eine ungenügende Note, weil der Klassendurchschnitt aussergewöhnlich hoch war.
Marc Buhl hat das Pech, dass er bei mir zwischen die Lektüren von Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon", Wilhelm Genazinos „Die Liebesblödigkeit" und Per Olov Enquists „Das Buch von Blanche und Marie" geriet. Ergebnis: Die drei Autoren können menschliche Seelen erfassen, Marc Buhl nicht. Oder nur ansatzweise.
Die Geschichte des norwegischen Laufwunders Mensen Ernst hat alles, was einen Hollywood-Regisseur vom Hocker reisst. Exotik, Dramatik, Liebe, Verrat, Einzigartigkeit und Wahrheit. Denn so wie meine Internetrecherchen ergaben, sind die biographischen Eckdaten tatsächlich „amtlich" beglaubigt. Der merkwürdige Bauernjunge kann laufen wie kein Zweiter vor oder nach ihm. Er läuft durch ganz Europa, er läuft für Geld und Ideale, läuft schnell und ausdauernd - und er läuft schliesslich bis zu den Quellen des Nils, wo er endlich zu Ruhe kommt. Obwohl inzwischen durch seinen Lauf von Paris nach Moskau weltberühmt geworden, bleibt er einsam und von einer unstillbaren Sehnsucht nach seinem Vater, seinen Wurzeln erfüllt und geprägt.
Die Story von Mensen Ernst wurde bereits als Roman verarbeitet, allerdings in völlig anderer Art und vor langer, langer Zeit. Dennoch sind die historischen Quellen dürftig. Marc Buhl stand es auch so gesehen frei, seine Geschichte zu erfinden. Dass ihm das Unterfangen aus meiner Sicht nicht ganz geglückt ist, liegt nicht an seiner Handwerkskunst. Der 1967 geborene Autor studierte Betriebs- und Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik, reiste durch Afrika und Asien, kann geschliffen schreiben und beschreiben. Aber er lässt mich nicht in die Seelen seiner Menschen beschreiben. Wenn im Klappentext steht, dass Buhls Sprache von der Poesie der Einsamkeit durchdrungen sei, die ihre Kraft aus der nüchternen Präzision einer selten gewordenen Erzählkunst beziehe, dann deutet dies auf eine bewusste Distanzierung hin. Und doch genügen mir diese Erklärungen nicht, weil es zu viele Autoren gibt, die ihre Leser auch mit Nüchternheit in das Innere der menschlichen Psyche führen können. Und wenn ein Junge rennt und rennt und rennt, dann erwarte ich von seinem künstlerischen Biographen, dass er mich Anteil nehmen lässt, mich in die Irrungen und Wirrungen eines Ruhelosen einweiht, mir einen lebendigen Spiegel des eigenen Schicksals vorhält. Nüchtern und cool sind wir ohnehin im Alltag. Um das zu erkennen, brauche ich keine realistische Spiegelwand. Und so komme ich eben zum Fazit, dass der junge Sprach- und Betriebswissenschaftler zwar erzählen, aber nicht ergreifen kann. Schade um die schöne Story mit dem wunderschönen Buchumschlag.
Der Läufer ohne Ziel (Bewertung 4 von 5)
» H. P. Roentgen
Ernst Mensen kann nicht stillhalten. Nicht in der Schule und auch nicht später. Dafür kann er laufen, endlos, Meile um Meile und bald macht er aus diesem Talent einen Beruf. Er wird Läufer, Schauläufer. Erst Botenläufer für einen englischen Adligen, später trifft er Freiherr von Wedemeyer, einen verarmten Adligen, der für ihn immer neue Schauläufe organisiert, die Mensen ein auskömmliches Leben erlauben. Er läuft von München nach Athen, von Paris nach Moskau in vierzehn Tagen und trägt dabei Nachrichten für die revolutionären Bewegungen in Europa in der Tasche.
Doch er findet keine Ruhe und keine Heimat. Selbst in Anrode, dem Schloss, zu dem er immer wieder zurückkehrt, hält es ihn nie lange. Beatrice, die Frau, die ihn liebt, kann ihn nicht fesseln.
Und eines Tages beschließt er, sich seinen alten Traum zu erfüllen, einen Lauf entlang des Nils bis zu den - in Europa bisher unbekannten - Quellen des Nils.
Die Geschichte von der Entdeckung der Langsamkeit ist bekannt. Verlag und Autor haben sie offensichtlich als Anlass genommen, um dieses Buch zu lancieren. Ein weiterer Blockbuster? Diesmal die Entdeckung der Schnelligkeit?
Nicht ganz. Denn wie es einen historischen Franklin gab, gab es auch den norwegischen Wunderläufer Ernst Mensen, der tatsächlich von Paris nach Moskau, von Konstantinopel nach Kalkutta lief, an zahlreichen Schauläufen teilnahm und von dem Laufen lebte. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war er als „schnellster Mann aller Zeiten" aber auch „Närrischer, oder wohl gar vom Teufl besessener" weltberühmt. Schon damals suchte man den Superstar.
Doch Marc Buhl wollte nicht nur einen Tatsachenroman schreiben, er hat durchaus auch literarische Ambitionen, will sich an „der Entdeckung der Langsamkeit" messen. Das merkt man grade am Anfang, am Inhalt wie am Stil. Beides möchte dem großen Vorbild nahe kommen. Das aber gelingt nicht so recht, kann auch gar nicht gelingen.
Und obwohl der Roman sich auf weiten Strecken spannend liest, hat er in der Mitte einige Längen, Seiten, auf denen nur noch Mensens neue Leistungen rapportiert werden, aber es wird nicht mehr erzählt. Auch der Schluss kann nicht richtig überzeugen. Dass Mensen da - beinahe - findet, was er immer gesucht habe, ohne dies zu wissen, ist leider wenig überzeugend geschildert.
So bietet das Buch solide Unterhaltung, einen Blick auf wenig bekannte Seiten des neunzehnten Jahrhunderts, lohnt also durchaus die Lektüre. Aber eine neue Entdeckung der Schnelligkeit ist es wahrlich nicht.
(C) Hans Peter Roentgen
Mein Buch des Jahres (Bewertung 5 von 5)
»
Überwältigende Geschichte, mitreißende Sprache. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, sondern musste die ganze Nacht durch lesen. Ich erinnere mich nicht daran, wann mich ein Buch das letzte Mal so sehr gefesselt hat. Außerdem liefert der Roman viel Stoff zum Nachdenken und Hinterherträumen.
Unbedingt lesen! (Bewertung 5 von 5)
» Klaus Rieger
Ein Buch, schnell wie sein Held. Selbst wenn der historische Mensen Ernst (1795-1843) nicht gelebt hätte, dieser Roman setzt ein Denkmal! Sogar sein zeitgenössischer Biograph, Gustav Rieck, räumte ein, dass er aus den Erzählungen Mensens nicht immer eindeutig unterscheiden konnte, was Wahrheit oder Märchen war. Doch was ist objektive Wahrheit in bezug auf eine gute Geschichte?! Marc Buhl erzählt präzise, eindrücklich und schnell: Einzelne Sätze laden ein, zu Episoden weitergesponnen zu werden; eindringlich geschilderte Episoden könnten selbst Stoff für weitere Bücher liefern und sind dennoch Verweilnischen im hastenden, getriebenen Lebens-Lauf dieses einst schnellsten Läufers Europas. Und genau das macht eine gute Geschichte aus!!! Das absolute Kontrast-Buch zu Sten Nadolnys "Entdeckung der Langsamkeit".
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Rashida. oder Der Lauf zu den Quellen des Nils
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