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Am Beispiel meines Bruders


Uwe Timm

Broschiert. Dtv 2005-04-24.
ISBN: 3423133163 / 3-423-13316-3
EAN: 9783423133166


Eine ergreifende Aufarbeitung deutscher Geschichte   (Bewertung 5 von 5)
» Karl-H. Heidtmann

Uwe Timm ist von seinem ersten Buch an immer schon ein ganz anderer" deutscher Autor gewesen, zeichnen sich seine Bücher durch einen hohen Grad an Authentizität bzw. Realitätsbezug aus. Die Gattung Roman oder Erzählung - auch wenn diese oftmals den Buchdeckel verziert - ist deshalb letztlich nicht immer wirklich passend.

Beschrieb Timm in seinem ersten Roman die Zeit der 68er, oder erzählte er später die Geschichte des Hochrads oder der Currywurst, so war dies immer auch ein Stück non-fiktionale" Zeitgeschichte. Immer sauber recherchiert, immer interessant, immer erbaulich.

Besonders spannend wird es dann, wenn Timm seine eigene Geschichte erzählt, wie in Heißer Sommer", Rot" oder besonders hervorzuheben Der Freund und der Fremde".

Das vorliegende Buch, das ganz bezeichnenderweise ganz ohne Gattungsbegriff auskommt, ist Uwe Timms intimstes Buch. Das Aufarbeiten der Lebensgeschichte seines im Russlandsfeldzug umgekommenen deutlich älteren Bruders Karl-Heinz hat Timm lange vor sich her geschoben. Es hat ihn spürbar viel Überwindung und Kraft gekostet.

Dabei ist dieses Buch nur zum Teil seinem Bruder gewidmet. Mindestens ebenso einfühlsam nähert sich Timm seinen anderen verstorbenen Familienmitgliedern an: Dem Vater, der Mutter, der Schwester. Nicht nur wer sich in der systemischen Theorie auskennt weiß, dass die eigene Lebensgeschichte untrennbar von den anderen Familienmitgliedern ist. Wer etwas über sich erfahren will, kann dieses also nur im Spiegel und in der Begegnung mit den anderen.

Martin Walser hat in einem gemeinsam mit Günter Grass kürzlich erschienenem Interview gesagt, er, ein Schriftsteller, schreibe immer über das, was ihm fehlt. Uwe Timm hat ein ergreifendes aber keineswegs sentimentales Buch über seine verstorbene Familie geschrieben, über Menschen, die ihm fehlen und formuliert am Ende seines Buches passend einen bemerkenswerten Gedanken: Schreiben ist Notwehr.

Fazit: Ein höchst empfehlenswertes Buch für alle, die etwas erfahren wollen über das Subjekt in den Unzeiten des deutschen Faschismus, den Menschen, wie er gelebt, gelacht, geweint oder einfach nur versucht hat zu überleben. Vor dem Hintergrund später Autorenbekenntnisse wie denen eines Günter Grass wirkt dieses kleine und doch ganz große Buch wie eine Entdeckungsreise in das Innere der eigenen Familie mit befreiender Wirkung. Uwe Timm hat sich nachträglich im besten Sinne mit Vater, Mutter, Bruder und Schwester ver-söhnt".



Authentische Schilderung   (Bewertung 5 von 5)
» Fritz Lessing

Vorausgeschickt,ich mag den Schreibstil von Uwe Timm sehr,zwar irgendwie distanziert,aber doch sehr berührend und lebendig.
Hätte er für dieses Buch Figuren erfunden,die die gleiche Geschichte gehabt hätten,hätte man gerade bei der Figur des Vaters den Einwand der Klischeehaftigkeit bringen können,da diese Figur sehr typisch ist.So ist sie eine reale Figur,sodaß das Typische den Eindruck der Authentizität sogar verstärkt.Das Buch ist keineswegs so geschwollen,wie der Satz davor,lässt sich wunderbar lesen,wobei einen das Thema schon sehr beklommen macht.Timm zeigt mit dem Finger zurecht auf die,die nach dem Krieg jegliche Schuld von sich gewiesen haben,weil sie angeblich nichts gewusst hätten,gezwungen gewesen seien,bei allem mitzumachen.Aber er verdammt niemanden.
Und es ist große Literatur,diese Themen auf so wenig Seiten so umfassend zu beleuchten,da hätten Moralisten auf 1000 Seiten sicher weniger Bedeutsames geschrieben.



Schweigen ist Schuld, Zweifel Verzweiflung, und was dann?   (Bewertung 4 von 5)
» buechermaxe

Uwe Timms Buch ist eine Annäherung an seinen Bruder, den er nur in einem Erinnerungsschatten aus frühester Kindheit noch kannte; also Annäherung an seine Briefe, ans Tagebuch, Schriftstücke, die er an der Ostfront als Soldat der Waffen-SS schrieb. Schriftstücke, in die er sich hineinlegte, sich aus ihnen auslegte, aber so, dass die Worte schweigender sind als leere Seiten beredt. Und wie Uwe Timm liest aus diesem Fragwürdigsten, biografische Chiffren ergründet, unlesbare Lettern biografischen Herkommens und Suchens, ergründet er nicht nur den Bruder, sondern zugleich sich, den Vater und seine Schwester und noch die ganze Familie, diese unbedeutende Keimzelle deutschen Daheimseins und Sorgens. Ergründet diese deutsche Geschichte ganz tief im Empfinden des je einzelnen, die in verbergenden Lettern vor ihm ausliegen wie gelegte Karten des Schicksals. Dieses empfindsame Buch lässt den Leser nachdenklich zurück, fragt nach Schuld, nicht aber, um zu verteufeln, sondern um zu begreifen. Um zu verstehen das Unverstehbare. Das Unglaubliche. Das schuldig Gewordene, das die Schuld selber nicht suchte, nicht sucht, sondern immer nur Dasein. Als Schlichtes eigenes Werden im schon Gewordenen, im Verwerflichsten noch. Diese Behauptung, Selbstbehauptung im Unverstehbarsten noch. Ist das Schuld? Einfach Schuld oder was? Was ist Aufklärung, was Humanismus, wenn Dasein einfach nur Dasein sucht und so ausgeht? Im Unvorstellbarsten noch? Oder verstehen wir mehr als wir glauben? Uwe Timms Buch ist ein filigranes, sehr sensibles Buch. Eine biografische Archäologie am Unort noch, wo Fragen fast schon Verzweiflung ist, nicht Zweifel nur, sondern gleich noch Negation alles Utopischen.


Ein kluges und trauriges Buch, das einen nicht losläßt   (Bewertung 5 von 5)
» hasenpupspapa

Karl Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine. Der Neunzehnjährige lebt weiter in der Trauer der Eltern, ihren Erzählungen, den sprachlichen Wendungen, die für sein Schicksal bemüht wurden, aber auch in den Träumen des jüngeren Bruders, der kaum eigene Erinnerungen an ihn hat. Warum wurden die Träume nach einem halben Jahrhundert immer drängender ?

Der Impuls , über den Bruder zu schreiben, sich ein Bild von ihm zu machen, von seiner Generation im Nazikrieg, erwächst bei Uwe Timm auch aus der Notwendigkeit, über die Voraussetzungen der eigenen Biographie Klarheit zu gewinnen. Es ist die Frage nach familiären Prägungen, nach Werten und Erziehungszielen, nach Liebe, Nähe und Respekt unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs. Warum hat sich der Bruder freiwillig zur SS gemeldet ? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um ? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen ? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben?

Uwe Timms neues Buch ist ein bewegender und nachdenklicher Versuch über den Bruder, über Schuld und Erinnerung, es ist auch ein Portrait der eigenen Familie und eine Studie darüber, welche Haltungen den Nationalsozialismus und den Krieg möglich machten, was das mit uns zu tun hat und wie man darüber sprechen kann.

Ein schönes, kluges und trauriges Buch, das einen nicht loslässt.



ungewöhnlich, ergreifend und anregend   (Bewertung 4 von 5)
» T. Hofbauer

Als ich die ersten Seiten des Buches gelesen hatte, war ich mir weder sicher was ich da gerade las oder ob es meinen Vorstellung entsprechen würde. Schnell wurde mir kalr, dass ich das Buch nicht - wie man vom Titel her annehmen würde - um den Bruder des Autors drehen würde, sondern um die Lebensumstände der Nachkriegsgesellschaft. Anhand des Tagebuches seines in den Krieg gezogenen und dort gefallenen älteren Bruders rekonstruiert Timm die Umstände und Einstellungen seiner Familie zum Krieg, dem Dritten Reich, die Verbrechen im Krieg und den Untergang der Nazis. Er schildert sein leben mit einem Vater, der Höhen und Tiefen erlebt hat und seinen älteren Sohn als Helden darstellt, und seiner stets hilfsbereiten und herzlichen Mutter. Auch seine ältere Schwester findet Platz in seinen niedergeschriebenen Erinnerungen. Durch diese stellt er nicht nur das oben erwähnte dar, sondern im Besonderen sich selbst. Nicht nur als Zeugnis der Zeit des Dritten Reiches, des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit ist dieses Buch lesenwert, sondern auch als Darstellung einer normalen Familie





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