Mit Versen dieser Art hat Robert Gernhardt nicht nur Otto Waalkes reich, sondern sich selbst auch zum heimlichen Liebling des deutschen Feuilletons gemacht. Zum heimlichen Liebling, weil Dichter die Spaß machen, in deutschen Landen schon immer ein wenig wie Aussätzige behandelt wurden. Im vergangenen Jahr verging dann dem Tausendsassa, der sich auch als Maler, Zeichner und Cartoonist (vor allem in seinem Hausblatt, der "ultimativen Satirezeitschrift" Titanic) hervorgetan hat, ganz plötzlich das Lachen. Gevatter Tod rückte dem 60igjährigen auf die Pelle. Sein Herz war in Not, ein Bypass mußte her, "nimms nicht persönlich! Er trifft gern Personen wie dich ..." Ein undankbarer Körper präsentierte ihm die Zeche für sein, sagen wir, erfülltes Leben. Sind Sie der Herr Gernhardt? Ich bringe die Rechnung für knapp sechzig Jahre gut Essen, schön Trinken stramm Schaffen, träg Sitzen, hoch Fliegen, tief Sumpfen: Bitte hier, links oben quittieren.
Aber der Herr Gernhardt denkt gar nicht daran das mit heruntergezogenen Mundwinkeln zu tun, er kann nicht aufhören zu spotten, auch wenn seine im Krankenhaus geschriebenen Gedichte, sein "Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Eintragungen" immer den Abgrund vor Augen und bei aller wunderbaren Leichtigkeit einen Stich ins Dunkle haben.
Gernhardts Leben steht sozusagen auf des Messers Schneide und er protokolliert seelenruhig das Vorher und Nachher seiner Herzoperation mit allem Bangen, allem Hoffen und der grenzenlosen Erleichterung als dann alles gut gegangen ist: "Das Eichhorn hüpft von Grab zu Grab, / ein Glück, daß ich noch keines hab." Gernhardts Begabung, die ihn aus fast allem anderen, was im deutschsprachigen Raum lyrisch abgesondert wird, heraushebt, ist der Spagat zwischen Kunst und Kalauer, zwischen "hehrem Inhalt und schnödem Jargon". Damit fühlt er sich einer Literaturtradition mit Exponenten wie Heine oder Morgenstern verpflichtet.
Er macht sich zum Komplizen des Lesers und hat die für die meisten modernen Dichter komplett irrsinnige Idee, daß ihn der Leser sogar vielleicht verstehen könnte. Und so wie Morgenstern läßt auch Gernhardt die Moleküle rasen, gibt dem lyrischen Affen Zucker, ist sich für keine Plattheit zu schade, wenn sie noch einen Spaltbreit Einsicht vermittelt. Gernhardt nimmt die Alltagswelt in den Kunstgriff und gibt dem Erhabenen Saures. So verleibt sich der Herzkranke jedes Sujet der Dichtung ein: "Das vermeintliche Ende einer Fliege", Steffi Grafs gesammelte Dummheiten, eine "ICE-Bremsstörung hinter Karlsruhe" oder sein persönliches Stimmungstief in einem großen Möbelhaus an einem Montag vormittag. Die Welt ist groß, tragisch und ohne Humor nicht zu ertragen. Und dazwischen dann immer wieder, wie aus dem Nichts, Besinnliches: Das nennt man nicht eigentlich suchen, wenn man schon weiß, wo was ist. Das nennt man nicht eigentlich finden, wenn man es gar nicht vermißt. Das nennt man nicht eigentlich lieben, wenn man den Liebling erpreßt. Das nennt man nicht eigentlich halten, wenn man ihn fallenläßt. Am stärksten aber wird Gernhardt, wenn er sich "prä-op" seinen Bypässen nähert und "post-op"seine Erleichterung über die überstandene Operation in Verse haut. Dann lesen sich die Lichten Gedichte auf einmal wie ein zusammenhängender Prosatext. Spannung kommt auf. Wird alles gut? Natürlich wird alles gut! Schon gut, daß der Mensch zum Großteil bedeckt ist. Aus Frankenstein wird so wieder Herr Gernhardt. Nur noch der Anfang der Narbe im Ausschnitt des Pullis verrät was vom Monster darunter. Und Gernhardt weiß, daß das Monster nur schläft und immer wieder wach werden kann, daß aus dem "Eichhorn" schnell ein "Leichhorn" werden kann. Und auch eine Moral hat Robert Gernhardt deshalb noch parat: "Beim Aufdernaseliegen / gib bitte nicht den Heitern- / versag nicht auch beim Scheitern." Ein Onkel von mir hat Bücher einmal folgendermaßen eingeteilt: Es gibt gute Bücher, es gibt sehr gute Bücher und es gibt Bücher, die auf keinem Nachttisch fehlen dürfen. Robert Gernhardts "Lichte Gedichte" gehören zur letzten Kategorie.
Nonsensfreudig, satirisch und äußerst zitierfähig (Bewertung 4 von 5)
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"Eine Zeit lang war Peter Handke das Thema / Jetzt ist auf einmal Durs Grünbein das Thema / ... / Das Thema ist immer: Erfolg" Der Erfolg ist diesem Bändchen zu wünschen (aber auch ziemlich sicher). Wieder einmal eine spaßig-kreative Mischung aus intelligentem Nonsens, Humoristischem und satirisch verpackten klugen Einwürfen. Die "großen Themen der Dichtung", Liebe, Natur, Krankenhaus und Sonstiges, kommen hier erfrischend undeutsch-unterhaltsam zur Sprache; das Buch ist ausgesprochen zitierfähig. Etwas nervig sind dabei die üblichen, leicht spätpubertär anmutenden eingestreuten Chauvinismen und Anzüglichkeiten.
Den Lesegenuss im Ganzen schmälern sie aber nicht. Wie kürzlich in der FAZ zu lesen war (ich hatte sie geliehen, nicht gekauft!), hat mit dem HipHop auch die Reimfreudigkeit wieder Einzug in die Dichtkunst weiter Teile der deutschen Bevölkerung gehalten. So gesehen ist Gernhardt dem Trend schon lange voraus. Wie schön, dass die Frankfurter Schule auch so leichtfüßig daherkommen kann. Die Freude an scheinbar sinnarmer Minimal-Poesie mit gewollt gewollten Reimen überträgt sich flugs auf den Leser: Wer Robert nicht Gernhardt / Der niemanden gern hat. Viel Spaß! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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Lichte Gedichte
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